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Der Hirschflüsterer von Bad Gastein - EU Story
Text: Jelena Pecic
Fotografie: Dirk Bruniecki

Der Hirschflüsterer von Bad Gastein

Nähert man sich dem Österreichischen Bad Gastein, erblickt man schon von Weitem die fast märchenhaft anmutenden Belle Epoque Bauten, die in den unterschiedlichsten Gelbtönen zwischen den Tannenspitzen hervor ragen. Die Hanglage der Kleinstadt, die es jahrhundertelang zu einem schwer zugänglichen und dennoch sehr beliebten Kurort für Kaiser, Politiker und Prominenz machte, gibt dem Ort seinen besonderen Reiz. Eines dieser leuchtenden gelben Häuser ist das 1832 erbaute Hotel Weismayr. Seit 20 Jahren ist das Traditionshaus im Besitz von Thomas Tscherne und seiner Frau Rosina. Betritt man das Hotel, begibt man sich auf Zeitreise. Dunkles Holz, schwere Teppiche, üppige Möbel und detailreiche Stoffmuster prägen die Einrichtung und versetzen den Besucher 100 Jahre zurück. Was besonders auffällt: die unzähligen Hirschgeweihe überall.

Hotelier Thomas Tscherne ist nicht nur gelernter Förster und Jäger – vielmehr kennt man ihn inzwischen als den Hirschflüsterer von Bad Gastein. Denn vor zwanzig Jahren hat er es sich zur Aufgabe gemacht, den Bestand des Rotwilds im Angertal zu erhalten.

Von Oktober bis Mai, wenn eine geschlossene Schneedecke im Lebensraum der Hirsche herrscht, wird Tschernes Alltag von der Fütterung der Tiere bestimmt: „Ich bin der Sklave der Hirsche, aber es ist eine sehr schöne Versklavung“, lacht der 48-Jährige. In seinem roten Range Rover Autobiography begibt er sich täglich zur gleichen Uhrzeit auf 1750 Meter Höhe und wartet geduldig auf die rund 150 Hirsche, die jeden Tag erscheinen. Heute dürfen wir ihn begleiten. 

Oben angekommen, öffnet Tscherne eine Scheune voller Futter. Die ersten Tiere kommen langsam näher, während er sie ruft - „Ja komm Hirscherl, ja wos is denn“ – und Futterspuren auf dem Boden verteilt. Dann zeigt er auf den am nächsten stehenden Hirsch: „Das ist der Klassensprecher, der kommt immer als erster. Er hat schnell gelernt, dass er dadurch den Vorteil hat, in Ruhe mehr fressen zu können.“ Tatsächlich lässt er sich nicht lange bitten. Wir tänzeln argwöhnisch umeinander rum, kommen näher und gehen dann wieder ein paar Schritte auseinander, um schließlich genug Vertrauen zueinander zu finden. Und dann frisst der Klassensprecher aus einem Eimer, den wir ihm hinhalten. Sein beachtliches Geweih ganz nah an unserem Gesicht, verzaubert uns das Tier sofort. Tscherne ist sichtlich stolz auf seinen Schützling.

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Die ersten vier Jahre hat er Phantome gefüttert: Die Hirsche haben das Futter zwar angenommen, aber nie in seiner Anwesenheit. Irgendwann zeigten sie sich auf der gegenüberliegenden Bergseite – der erste Erfolg und Vertrauensbeweis für Tscherne. Seine unmittelbare Anwesenheit zwischen ihnen akzeptierten sie allerdings erst nach zwölf Jahren. Stundenlang saß er dafür im Dunkeln ruhig  neben den Tieren während sie fraßen. 

Die Hirsche erkennen Tschernes Stimme und Geruch, immer gleiche Bewegungsmuster geben ihnen zusätzliche Sicherheit. „Die Tiere sind inzwischen so sehr an Menschen gewöhnt, dass sie bei plötzlichen Bewegungen nicht sofort flüchten, sondern erst nachdenken und die Situation analysieren.“ Aber wild sind sie trotzdem, streicheln und aus der Hand füttern ist eine Seltenheit. 

Während sich immer mehr Tiere zur Futterstelle trauen, stapft Tscherne in Lodenjacke und Wanderschuhen durch die Kälte und zieht das Futter zu den einzelnen Trögen. Nach einer dreiviertel Stunde sind weit über 100 Hirsche zum Festmahl erschienen. Auch die letzten Nachzügler haben ihre Scheu überwunden. 

Bis auf das Schnaufen und leise Kauen der Tiere hört man wenig auf 1750 Meter Höhe. Ein friedlicher und fast meditativer Zustand macht sich breit und selbst Tscherne schaut ihnen nach 20 Jahren immer noch gebannt und glückselig zu. Die eleganten Tiere bewegen ihre rot-braunen Körper geräuschlos von Futtertrog zu Futtertrog, gelegentlich schlagen ein paar Hirsche ihre Geweihe zusammen.

Ich bin der Sklave der Hirsche, aber es ist eine sehr schöne Versklavung
Thomas Tscherne

Jeder einzelne hat einen Namen und Tscherne kann sie alle auseinanderhalten. Nicht nur am Geweih, sagt er, auch an ihren Gesichtsausdrücken: „Je länger man sie kennt, desto mehr feine Unterschiede erkennt man.“ 

Sie heißen Nussi (abgekürzt von Feignuss, weil er nicht der mutigste ist), Raufbold (der Name sagt es schon) oder Futuro (weil er als junger Hirsch eine vielversprechende Geweihbildung zeigte). Tscherne spricht liebevoll von jedem einzelnen Tier, es ist offensichtlich, wie eng seine Beziehung zu ihnen ist. 

Seit den 1950er Jahren ist die Fütterung der Hirsche im Angertal dokumentiert, da sich bereits dann eine Verdrängung aus ihrem natürlichen Lebensraum abzeichnete. Der Ski-Tourismus trieb die Tiere ins Tal, die sich stetig ausbreitende Infrastruktur der Menschen trieb sie von unten wiederum ein Stück höher in einen Waldgürtel. Doch auch dort sind sie nicht gern gesehen, da sie die Rinde der forstwirtschaftlichen Bäume fressen und den wirtschaftlichen Wert des Holzes mindern. 

Um dem größten europäischen Pflanzenfresser eine sichere Alternative zum Überwintern zu bieten, verfüttert Tscherne deshalb jeden Winter rund 150 Tonnen Futter. Am Anfang gab es für ihn keine Möglichkeit, die Fütterungstelle mit dem Wagen zu erreichen. Tscherne ließ das Futter jahrelang mit dem Hubschrauber auf den Berg fliegen und trat den Weg nach oben jeden Tag zu Fuß an, was je nach Schneelage bis zu dreieinhalb Stunden dauern konnte. Nach 16 Jahren beschloss er, eine Straße bauen zu lassen. Die Kosten für all das trägt er seit Beginn selbst. Er hat allerdings schon lange aufgehört sie zu addieren, „aus Selbstschutz“, wie er sagt. 

Doch woher kommt die scheinbar endlose Motivation, diesen Aufwand und vor allem die enormen Kosten auf sich zu nehmen? „Zunächst war es nur eine Begeisterung für die Sache und dann wollte ich es immer besser machen“, setzt der gebürtige Gasteiner an, „irgendwann steckt so viel Herzblut drin, dass die Sache immer lebendiger wird“. Und die Motivation geben ihm die Tiere selbst: „Ihr Verhalten so genau kennenzulernen und alles, was sie mir über die Natur beibringen, wiegt das ganze mehr als auf. Andere brauchen drei Jägerleben, um diese Erfahrung zu kriegen.“

Die Menschen die ihn zur Fütterung begleiten, haben unterschiedliche Beweggründe. Einige sind Touristen, die Lust auf etwas Neues haben und zu Tscherne geschickt werden. Oft wissen sie nicht mal genau, was sie erwartet. Aber auch Naturbegeisterte oder Jagdgegner schließen sich ihm an. Jäger sind nur äußerst selten dabei. Was sie aber alle gemeinsam haben: „Die Menschen sind zutiefst berührt von dieser Erfahrung; nicht nur, weil sie die Hirsche aus nächster Nähe sehen, sondern auch, weil sie ihre Geschichte hören.“

Tscherne ist es wichtig, das Bewusstsein für die Lage der Tiere zu stärken, deshalb nimmt er gerne Menschen mit zur Fütterung. „Die Österreichischen Bundesforste, die die Waldflächen Österreichs verwalten, sind den Tieren nicht sehr positiv entgegengestellt und viele Menschen glauben dann aus Informationsmangel, dass die Hirsche keine wirkliche Daseinsberechtigung haben.“ Tscherne versteht sich als Anwalt der Tiere, der vermeiden möchte, dass seine Urenkel Hirsche später nur noch von Fotografien kennen. 

Zurück im Hotel Weismayr schlendern wir ein letztes Mal durch die prachtvollen Räume, während Tscherne uns die Geschichte des Hauses erzählt und wir sind uns sicher: So wie er die Vergangenheit des traditionsreichen Hotels bis heute am Leben erhält, wird er sicherlich auch nie aufhören, der Hirschflüsterer zu sein.

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